Das Priestertum gehört zum innersten Kern des biblischen Heilsgeschehens. Wo die Sünde den Menschen von Gott trennt, dort bedarf es eines Mittlers, der die Kluft überbrückt – eines Priesters, der vor Gott tritt, um für die Menschen einzustehen, und der zugleich Gottes Gnade zu den Menschen bringt. Im Alten Testament versahen die Nachkommen Aarons diesen Dienst in einem System von Opfern und Zeremonien, das auf seine eigene Überwindung hin angelegt war. In Jesus Christus findet dieses Priestertum seine endgültige Erfüllung: Er ist der ewige Hohepriester, der nicht nach der vergänglichen Ordnung Aarons dient, sondern nach der unvergänglichen Ordnung Melchisedeks – und der sich selbst als das vollkommene Opfer dargebracht hat, ein für alle Mal.
Das hebräische Wort für Priester lautet kohen (כֹּהֵן). Die genaue Etymologie ist nicht restlos geklärt, doch die Grundbedeutung weist auf einen *„Dienenden„* oder *„Mittler“* hin – jemand, der zwischen Gott und dem Menschen steht und den heiligen Dienst vor Gott verrichtet. Im Alten Testament bezeichnet *kohen* ausschließlich den berufenen, geweihten Diener am Heiligtum.
Das griechische Wort hiereus (ἱερεύς) leitet sich von *hieros* (= „heilig„) ab und bezeichnet den, der mit dem Heiligen umgeht – den Verwalter der heiligen Dinge. Im Neuen Testament wird dieses Wort sowohl für die levitischen Priester als auch für Christus selbst verwendet, wobei der Hebräerbrief den entscheidenden Unterschied herausarbeitet.
Gott setzte das levitische Priestertum am Berg Sinai ein. Aus dem Stamm Levi wurde das Geschlecht Aarons zum priesterlichen Dienst berufen. Die Aufgaben der Priester waren klar umrissen:
Doch dieses Priestertum trug die Zeichen seiner eigenen Begrenztheit in sich. Die Priester waren selbst sündige Menschen, die zuerst für ihre eigenen Verfehlungen opfern mussten, ehe sie für das Volk eintreten konnten. Die Opfer mussten täglich, wöchentlich, jährlich wiederholt werden – ein unaufhörlicher Kreislauf, der bezeugte, dass die endgültige Lösung des Sündenproblems noch ausstand.
Inmitten der Vätergeschichte Israels taucht eine rätselhafte Gestalt auf, die auf ein ganz anderes Priestertum hinweist: Melchisedek, der König von Salem und Priester des höchsten Gottes.
Diese kurze Szene ist von enormer theologischer Tragweite. Melchisedek erscheint ohne Stammbaum, ohne Anfang und ohne Ende – der Hebräerbrief deutet dies typologisch als Hinweis auf die Ewigkeit seines Priestertums (Hebräer 7, 3). Er ist zugleich König und Priester – eine Verbindung, die im levitischen System undenkbar war, da Königtum dem Stamm Juda und Priestertum dem Stamm Levi vorbehalten waren. Und Abraham, der Vater aller Gläubigen, ordnet sich diesem Priester unter, indem er ihm den Zehnten gibt. So steht Melchisedek über dem levitischen Priestertum, das erst Jahrhunderte später eingesetzt wurde.
Die prophetische Verheißung, die das Priestertum Christi am deutlichsten ankündigt, findet sich in dem königlichen Psalm Davids:
Dieser Vers ist ein göttlicher Eidschwur – unwiderruflich und ewig. Der kommende Messias wird nicht nur König sein (Psalm 110,1-2), sondern zugleich Priester – und zwar nicht nach der Ordnung Aarons, sondern nach der höheren, ewigen Ordnung Melchisedeks. Damit kündigt die Schrift bereits im Alten Testament die Überwindung des levitischen Systems an.
Der Hebräerbrief entfaltet die Bedeutung des Priestertums Christi in einer Ausführlichkeit, die in der gesamten Heiligen Schrift ihresgleichen sucht. Die zentralen Aussagen lassen sich in mehreren Schritten nachvollziehen:
Im Gegensatz zu einem fernen, unnahbaren Priester ist Jesus einer, der die menschliche Schwachheit aus eigener Erfahrung kennt:
Die levitischen Priester starben und wurden durch andere abgelöst. Christus aber lebt ewiglich und bedarf keines Nachfolgers:
Der irdische Hohepriester betrat einmal im Jahr das Allerheiligste mit dem Blut von Tieren. Christus aber trat in das himmlische Heiligtum mit seinem eigenen Blut:
Das entscheidende Merkmal des Opfers Christi ist seine Einmaligkeit und ewige Gültigkeit:
Die tiefste Besonderheit des Priestertums Christi liegt darin, dass er nicht nur der Priester ist, der das Opfer darbringt, sondern zugleich das Opfer selbst. In allen levitischen Opfern waren Priester und Opfertier voneinander getrennt. In Christus fallen beide zusammen: Er ist der Opfernde und das Opferlamm, der Darbringende und die Darbringung, der Hohepriester und das geschlachtete Lamm. In diesem Geheimnis liegt die unerschöpfliche Tiefe des Kreuzes.
So wie die Stiftshütte mit all ihren Einrichtungen auf Christus hinwies – der Brandopferaltar auf sein Opfer, das Waschbecken auf seine Reinigung, der Leuchter auf sein Licht, die Schaubrote auf das Brot des Lebens, der Räucheraltar auf seine Fürbitte und die Bundeslade auf seine Gegenwart –, so findet der gesamte Opferdienst des Alten Bundes in dem einen Opfer am Kreuz von Golgatha seine Erfüllung und sein Ende.
Das Priesteramt bildet zusammen mit dem Prophetenamt und dem Königsamt das dreifache Amt Christi (*munus triplex*). Als Prophet offenbart er den Willen Gottes, als Priester versöhnt er die Menschen mit Gott durch sein Opfer und seine Fürbitte, und als König regiert er über sein Volk in Ewigkeit. Was im Alten Bund in verschiedene Ämter aufgeteilt war, vereinigt sich in seiner Person zur vollkommenen Einheit.
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Siehe auch: Prophet | Messias | König | Stiftshütte